Value Based Selling in der Seefracht: verkaufen jenseits der Rate
Value Based Selling in der Seefracht klingt für viele Verkäufer nach Theorie. Der Container gilt als Standardprodukt, und der Einkäufer eröffnet das Gespräch mit dem Satz: „Ihr Wettbewerb ist günstiger.“ Wer darauf nur mit einem Nachlass antworten kann, hat das Gespräch schon vorher verloren.
Dieser Beitrag zeigt, welche Werttreiber jenseits der Rate für Verlader und Spediteure zählen und wie Sie sie in die Sprache des Kunden übersetzen: in seine Kosten, seine Risiken und seinen Nutzen. Sie erhalten Fragen, Formulierungen, einen Ablauf zur Vorbereitung und ein durchgespieltes Beispiel.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Rate ist der sichtbarste Teil der Transportkosten, aber selten der einzige.
- Sechs Werttreiber zählen neben dem Preis: Verlässlichkeit, Transitzeit, Stellplatzzusage, Hinterlandanbindung, Transparenz und Ansprechbarkeit.
- Wert entsteht erst, wenn der Kunde ihn mit seinen eigenen Zahlen berechnet hat.
- Gute Fragen leisten dabei mehr als gute Argumente.
- KI bereitet das Wertgespräch vor, geführt wird es von einem Menschen.
Was ist Value Based Selling in der Seefracht?
Value Based Selling, auf Deutsch wertorientiertes Verkaufen, stellt nicht den Preis der Leistung in den Mittelpunkt, sondern ihre Wirkung beim Kunden. In der Seefracht heißt das: Sie verkaufen keinen Containerstellplatz von Hafen zu Hafen. Sie verkaufen, dass die Ware des Kunden planbar ankommt, dass seine Produktion läuft und dass seine Disposition weniger Feuer löschen muss.
Das setzt voraus, dass Sie die Lieferkette des Kunden verstehen. Was passiert bei ihm, wenn ein Container eine Woche später kommt? Wer im Unternehmen spürt das? Was kostet es? Die Grundlagen finden Sie im Beitrag Value Based Selling einführen.
Warum das Gespräch so oft bei der Rate endet
Dafür gibt es drei Gründe. Erstens ist die Rate vergleichbar, alles andere ist es auf den ersten Blick nicht. Zweitens sitzt im Gespräch häufig der Einkauf, der an Einsparungen gemessen wird, und nicht die Logistikleitung, die mit den Folgen lebt. Drittens gehen viele Verkäufer ohne Daten in den Termin. Wer nicht weiß, wie pünktlich die eigenen Abfahrten für diesen Kunden waren, kann über Verlässlichkeit nur behaupten, nicht belegen.
Sechs Werttreiber jenseits der Rate
- Verlässlichkeit: Fahrplantreue, also die Frage, ob das Schiff ankommt, wenn es ankommen soll. Dazu gehört der Umgang mit ausgefallenen Abfahrten, den sogenannten Blank Sailings.
- Transitzeit: Die Dauer von Tür zu Tür, nicht nur von Hafen zu Hafen. Sie bestimmt, wie lange Kapital in der Ware gebunden ist.
- Stellplatzzusage: Die Allokation, also zugesagter Platz auf dem Schiff, auch wenn der Markt eng ist. Sie steht meist einer Volumenzusage des Kunden gegenüber.
- Hinterlandanbindung: Vorlauf und Nachlauf per Bahn, Binnenschiff oder Lkw, Terminals in der Nähe des Kunden, Leercontainer dort, wo er sie braucht.
- Transparenz: Der Kunde weiß, wo seine Ware ist, und erfährt eine Verspätung von Ihnen, bevor er sie selbst entdeckt.
- Ansprechbarkeit: Ein fester Ansprechpartner, der zurückruft, entscheidet und Probleme löst, statt Vorgangsnummern zu vergeben.
Wie übersetzen Sie Werttreiber in Kosten und Nutzen des Kunden?
Ein Werttreiber ist zunächst nur eine Eigenschaft Ihrer Leistung. Zum Argument wird er, wenn der Kunde erkennt, was er ihn kostet oder ihm bringt.
- Verlässlichkeit wird zu Sicherheitsbestand und Stillstandsrisiko. Wer sich auf die Ankunft nicht verlassen kann, hält mehr Ware auf Lager oder zahlt im Notfall Luftfracht.
- Transitzeit wird zu gebundenem Kapital und Reaktionsfähigkeit. Jeder Tag weniger auf See verkürzt die Zeit zwischen Bezahlung und Verkauf der Ware und erlaubt spätere Bestellungen.
- Stellplatzzusage wird zu Lieferfähigkeit in der Hochsaison. Rollt ein Container auf die nächste Abfahrt, verschiebt sich die ganze Kette.
- Hinterlandanbindung wird zu Gesamtkosten von Tür zu Tür. Eine günstige Seefracht mit teurem Lkw-Nachlauf, Wartezeiten am Terminal und Standgeldern ist in der Summe nicht günstig.
- Transparenz wird zu Arbeitszeit in der Disposition. Wer Sendungen einzeln nachverfolgen und Kunden vertrösten muss, bindet Personal, das planen sollte.
- Ansprechbarkeit wird zu Geschwindigkeit im Störungsfall. Eine Entscheidung am selben Tag hält eine Umleitung möglich.
Wichtig: Sie liefern die Logik, der Kunde liefert die Zahlen. Nennen Sie keine erfundenen Einsparungen. Fragen Sie nach seinen Werten und rechnen Sie gemeinsam. Wie das sauber geht, beschreibt der Beitrag Kundennutzen berechnen.
Welche Fragen machen den Wert im Kundengespräch sichtbar?
Bewährt hat sich die Reihenfolge nach SPIN: Situation, Problem, Implication (Auswirkung) und Need-Payoff (Nutzen). Übertragen auf die Seefracht:
- Situation: „Wie planen Sie heute die Zulaufzeiten aus Asien in Ihr Lager, und mit welchem Puffer?“
- Problem: „Wie oft mussten Sie in den letzten Monaten umplanen, weil ein Container später kam als angekündigt?“
- Auswirkung: „Was passiert in Ihrer Fertigung, wenn dieses Teil eine Woche fehlt, und wer trägt die Kosten?“
- Nutzen: „Was wäre es Ihnen wert, wenn Sie den Puffer verkleinern könnten, weil Ankunft und Stellplatz planbar sind?“
Die Auswirkungsfrage ist die wichtigste und die, die am häufigsten ausgelassen wird. Mehr dazu im Beitrag SPIN Selling erklärt.
Value Based Selling in der Seefracht vorbereiten: Schritt für Schritt
- Kunden auswählen: Beginnen Sie mit Kunden, bei denen Lieferfähigkeit erkennbar zählt: Industrie mit getakteter Fertigung, Handel mit Saisonware, temperaturgeführte Güter.
- Eigene Leistung belegen: Stellen Sie zusammen, wie Ihre Abfahrten, Transitzeiten und Reklamationen für genau diesen Kunden in den letzten Monaten aussahen.
- Lieferkette des Kunden skizzieren: Woher kommt die Ware, wohin geht sie, wer hängt davon ab? Öffentliche Quellen und Ihre Gesprächsnotizen reichen für eine erste Skizze.
- Hypothese bilden: Formulieren Sie in einem Satz, welcher Werttreiber für diesen Kunden vermutlich am meisten zählt und warum.
- Fragen vorbereiten: Schreiben Sie je eine Frage zu Situation, Problem, Auswirkung und Nutzen auf.
- Gemeinsam rechnen: Lassen Sie den Kunden seine Werte nennen und halten Sie die Rechnung schriftlich fest.
- Angebot am Wert ausrichten: Stellen Sie im Angebot die Gesamtkosten von Tür zu Tür und die vereinbarten Leistungen voran, die Rate folgt danach.
Praxisbeispiel: der Maschinenbauer und die günstigere Rate
Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Eine Key Account Managerin betreut einen Maschinenbauer, der Komponenten aus Ostasien bezieht und Ersatzteile nach Nordamerika verschifft. Der Einkäufer legt ein Vergleichsangebot vor und verlangt eine niedrigere Rate. Die Verkäuferin gibt nicht nach und widerspricht auch nicht. Sie fragt, ob die Logistikleiterin am nächsten Termin teilnehmen kann.
Im Gespräch stellt sie zuerst Fragen. Es zeigt sich, dass der Kunde wegen schwankender Ankünfte einen deutlichen Sicherheitsbestand hält und im vergangenen Halbjahr mehrfach Teile per Luftfracht nachgeholt hat. Die Logistikleiterin nennt selbst, was eine solche Sendung kostet und wie viele Tage Bestand der Puffer bindet. Die Verkäuferin legt daneben, wie die Abfahrten für diesen Kunden zuletzt gelaufen sind und welche Bahnverbindung den Nachlauf zum Werk verkürzen würde. Am Ende steht keine niedrigere Rate, sondern ein Kontrakt mit Stellplatzzusage, festem Ansprechpartner und einem vereinbarten Ablauf für Verspätungsmeldungen. Der Einkäufer hat eine Rechnung, die er intern vertreten kann.
Spediteur und Direktkunde: Der Wert sieht unterschiedlich aus
Der Direktkunde, also der Verlader, der selbst bei der Reederei bucht, rechnet in Bestand, Fertigung und Lieferfähigkeit. Der Spediteur rechnet anders. Sein Wert liegt in der Marge, in verlässlichem Platz für seine Kunden und in wenig Aufwand je Sendung. Fragen Sie ihn deshalb nicht nach seinem Lager, sondern nach seinen Kunden.
Hinter jedem Spediteur steht der Kunde des Kunden, der Named Account (NAC). Wenn Sie verstehen, was der NAC braucht, können Sie dem Spediteur helfen, sein eigenes Angebot zu stärken. Eine passende Frage lautet: „Bei welchen Ihrer Kunden verlieren Sie Geschäft, weil Platz oder Laufzeit nicht planbar sind?“ Wie Sie diese Sicht aufbauen, zeigt der Beitrag Named Accounts (NAC) entwickeln.
Was antworten Sie, wenn der Kunde trotzdem nur die Rate nennt?
Der Preiseinwand kommt, auch nach dem besten Gespräch. Antworten Sie nicht mit einem Nachlass und nicht mit einem Vortrag, sondern mit einer Frage. Zwei Formulierungen:
- „Ich verstehe, dass die Rate zählt. Darf ich fragen, was Sie eine Woche Verspätung bei dieser Warengruppe kostet? Dann können wir beide Angebote auf derselben Grundlage vergleichen.“
- „Wenn wir nur die Seefracht nebeneinanderlegen, sind wir teurer. Lassen Sie uns die Kosten von Tür zu Tür ansehen, einschließlich Nachlauf, Standzeiten und der Sendungen, die Sie zuletzt nachholen mussten.“
Sprechen Sie dabei über Ihre eigene Leistung und über die Kosten des Kunden. Aussagen über Preise oder Bedingungen anderer Anbieter gehören nicht in Ihre Argumentation, und ein Austausch darüber mit Wettbewerbern ist tabu. Im Zweifel klärt Ihre Rechtsabteilung die Grenzen. Weitere Techniken finden Sie im Beitrag Preisverhandlung mit Fragen statt Rabatt.
Was die KI übernimmt und was beim Menschen bleibt
Die KI übernimmt die Vorbereitung:
- Volumen, Abfahrten, Transitzeiten und Reklamationen des Kunden auf einer Seite zusammenstellen
- Öffentliche Nachrichten zum Kunden und zu seinem Fahrtgebiet sichten
- Eine Hypothese zum wichtigsten Werttreiber und passende Fragen vorschlagen
- Die Gesprächsnotiz ordnen und die gemeinsam erarbeitete Rechnung sauber aufschreiben
- Das Gespräch im Rollenspiel trainieren, mit einem Einkäufer, der hart auf die Rate drückt
Beim Menschen bleibt:
- Zuhören, nachfragen und einschätzen, was der Kunde wirklich meint
- Jede Rate, jede Stellplatzzusage und jede Aussage zur Transitzeit
- Die Entscheidung, welchen Kunden Sie zu welchen Bedingungen wollen
- Die Beziehung, die über Jahre trägt
Agenten bereiten vor, Menschen geben frei. Wie die Vorbereitung im Einzelnen aussieht, lesen Sie im Beitrag Value Based Selling und KI. Die gewonnene Zeit dient nicht dem Stellenabbau. Sie fließt in Kundengespräche und in das Training.
Welche Fehler Sie beim wertorientierten Verkaufen vermeiden sollten
- Behaupten statt belegen: „Wir sind zuverlässig“ sagt jeder. Zeigen Sie die Leistung für genau diesen Kunden.
- Für den Kunden rechnen: Eine Einsparung, die Sie ausgerechnet haben, glaubt er nicht. Eine, die er selbst berechnet hat, vertritt er intern.
- Nur mit dem Einkauf sprechen: Den Wert spüren Logistik, Fertigung und Vertrieb des Kunden. Holen Sie diese Personen an den Tisch.
- Mehr zusagen, als der Betrieb halten kann: Stimmen Sie Zusagen vorher mit Operations und Kundenservice ab.
Checkliste vor dem nächsten Kundengespräch
- Kenne ich die Lieferkette des Kunden in groben Zügen?
- Habe ich Zahlen zu unserer Leistung für diesen Kunden dabei?
- Welcher der sechs Werttreiber zählt hier vermutlich am meisten?
- Habe ich eine Auswirkungsfrage vorbereitet?
- Weiß ich, welche Zusagen ich machen darf und welche ich erst abstimmen muss?
Wenn Sie wissen wollen, wie viel Zeit Ihrem Team heute für diese Vorbereitung bleibt, hilft der Vertriebs-Zeitcheck.
Häufige Fragen
Funktioniert Value Based Selling bei einem Standardprodukt wie Containertransport? Ja, weil nicht der Container den Unterschied macht, sondern das, was um ihn herum geschieht. Verlässlichkeit, Stellplatz, Hinterland und Erreichbarkeit unterscheiden sich zwischen Anbietern spürbar. Der Kunde muss diesen Unterschied aber in seinen eigenen Kosten wiederfinden.
Wie verkaufe ich Seefracht, wenn der Kunde nur auf den Preis schaut? Fragen Sie nach den Folgen von Verspätung und fehlendem Platz und sprechen Sie mit den Personen, die diese Folgen tragen. Manche Kunden kaufen tatsächlich nur nach Preis. Dann teilen Sie Ihre Zeit anders ein.
Welche Werttreiber sind für Spediteure am wichtigsten? Meist sind es verlässlicher Stellplatz, schnelle Auskunft und wenig Aufwand je Buchung. Dazu kommt, was der Kunde des Spediteurs verlangt. Fragen Sie deshalb gezielt nach den Anforderungen der NAC.
Wie lange dauert es, ein Vertriebsteam auf wertorientiertes Verkaufen umzustellen? Die Methode ist schnell erklärt, die Gewohnheit braucht Monate. Rechnen Sie mit regelmäßigem Training, Rollenspielen und Begleitung in echten Terminen.
Fazit
Value Based Selling in der Seefracht heißt nicht, die Rate zu verschweigen. Es heißt, sie neben die Kosten zu stellen, die der Kunde durch Verspätung, fehlenden Platz, teuren Nachlauf und eigenen Aufwand trägt. Die sechs Werttreiber Verlässlichkeit, Transitzeit, Stellplatzzusage, Hinterlandanbindung, Transparenz und Ansprechbarkeit geben Ihnen dafür die Struktur. Die Zahlen kommen vom Kunden, die Fragen von Ihnen. KI nimmt Ihrem Team die Vorbereitung ab, das Gespräch führt ein Mensch. Ihr nächster Schritt: Wählen Sie einen Kunden, bei dem zuletzt nur über die Rate gesprochen wurde, und bereiten Sie für den nächsten Termin eine einzige Auswirkungsfrage vor.