Spediteur oder Direktkunde: Vertriebsstrategie für die Reederei und was KI dazu beiträgt
Eine Vertriebsstrategie für die Reederei muss eine Frage beantworten, die in vielen Häusern jeden Tag neu gestellt wird: Verkaufen wir über den Spediteur oder direkt an den Verlader? Die ehrliche Antwort lautet fast immer: beides. Schwierig wird es erst, wenn niemand festgelegt hat, wann welcher Weg gilt. Dann entscheidet der Zufall, wer welchen Kunden anspricht. Am Ende ist ein Partner verärgert, und gewonnen wurde nichts.
In diesem Beitrag lesen Sie, worin sich die beiden Kundengruppen unterscheiden, wie Sie Ihr Portfolio nach aufgeschriebenen Kriterien ordnen, wie Sie Vertriebszeit und Stellplätze verteilen und an welchen Stellen KI die Zuarbeit übernimmt. Der Beitrag richtet sich an Vertriebsleiter und Key Account Manager bei Carriern. Er lohnt sich ebenso für Spediteure, die verstehen wollen, wie ein Carrier auf die Zusammenarbeit blickt.
Das Wichtigste in Kürze
- Spediteursgeschäft und Direktgeschäft sind zwei Vertriebswege mit eigener Logik, und eine tragfähige Strategie braucht beide.
- Der Spediteur ist Kunde und Partner: Er bündelt Ladung, trägt Risiko und leistet Arbeit, die ein Carrier nicht leisten kann oder nicht leisten will.
- Die Aufteilung folgt Kriterien, die Sie aufschreiben können, etwa Volumenstruktur, Leistungsbedarf und bestehende Beziehungen.
- KI ordnet Daten, bereitet Gespräche vor und zeigt Lücken, sie entscheidet aber weder über Raten noch über Stellplatzzusagen oder die Zuordnung eines Kunden.
- Die gewonnene Zeit fließt in Kundengespräche und dient ausdrücklich nicht dem Stellenabbau.
Was heißt Spediteur, was heißt Direktkunde?
Der Spediteur organisiert Transporte im Auftrag von Verladern. Er kauft Seefracht beim Carrier ein, ergänzt sie um Vorlauf und Nachlauf, also den Transport zum Hafen und vom Hafen zum Empfänger, um Zoll, Dokumente und Lager, und verkauft das Paket an seinen Kunden. Gegenüber dem Carrier ist er Vertragspartner und Rechnungsempfänger.
Der Direktkunde ist ein Verlader, der seine Seefracht selbst beim Carrier einkauft. Das sind meist Industrie- oder Handelsunternehmen mit eigener Logistikabteilung und planbaren Warenströmen. Sie schließen häufig einen Kontrakt, also eine Vereinbarung über Rate, Laufzeit und Volumenzusage, und schreiben ihr Volumen regelmäßig in einem Tender aus.
Dazwischen liegt eine dritte Größe: der Verlader, der hinter einem Spediteur steht. Im Carrier-Vertrieb heißt er Named Account (NAC). Der NAC ist der Kunde Ihres Kunden. Wie Sie mit ihm umgehen, entscheidet darüber, ob Ihre beiden Vertriebswege nebeneinander funktionieren.
Warum die Vertriebsstrategie einer Reederei beide Wege braucht
Wer nur auf Direktkunden setzt, verzichtet auf die Bündelungsleistung der Spediteure. Viele Verlader haben zu kleine oder zu unregelmäßige Mengen für einen eigenen Kontrakt. Sie wollen einen Ansprechpartner für die gesamte Kette und keine Verhandlung mit mehreren Carriern. Dieses Geschäft erreicht ein Carrier nur über den Spediteur.
Wer nur auf Spediteure setzt, kennt die Warenströme hinter den Buchungen kaum. Er erfährt spät, wenn sich Beschaffungsmärkte verschieben, und er kann eigene Zusatzleistungen wie Hinterlandverkehre nur schwer platzieren. Beide Wege haben also eine Aufgabe. Die Strategie beschreibt, welche.
Wie unterscheiden sich die Kaufmotive?
Ein Spediteur kauft Seefracht als Vorprodukt. Für ihn zählen Marge, Verlässlichkeit der Stellplatzzusage (Allokation), schnelle Antworten auf Ratenanfragen und Spielraum im Spotgeschäft, also bei kurzfristig gebuchter Ladung zu Tagesraten. Er muss seinem eigenen Kunden gegenüber Wort halten können. Jede ausgefallene Abfahrt (Blank Sailing) trifft ihn doppelt, weil er sie erklären und auffangen muss.
Ein Direktkunde kauft Seefracht als Teil seiner Lieferkette. Für ihn zählen Planbarkeit, Transitzeit, Fahrplantreue, klare Zuschläge und ein Ansprechpartner, der sein Geschäft versteht. Der Einkauf verhandelt die Rate, die Logistik lebt mit dem Ergebnis. Ein gutes Gespräch erreicht beide.
Daraus folgt: Das Gespräch mit dem Spediteur ist ein Gespräch unter Fachleuten über sein Portfolio, seine Fahrtgebiete und seine Engpässe. Das Gespräch mit dem Direktkunden dreht sich um dessen Produktion, Absatzmärkte und Bestände. Wie Sie in beiden Fällen über den Wert statt nur über den Preis sprechen, zeigt der Beitrag Value Based Selling in der Seefracht.
Portfolio ordnen: fünf Kriterien für die Segmentierung
Ordnen Sie jeden Kunden und jeden Wunschkunden einem Vertriebsweg zu. Fünf Kriterien haben sich als Faustregel bewährt:
- Volumenstruktur: Sind die Mengen regelmäßig und planbar, oder schwanken sie stark von Monat zu Monat?
- Leistungsbedarf: Braucht der Verlader reine Seefracht, oder ein Paket aus Zoll, Lager, Sammelgut und Zustellung?
- Bestehende Beziehung: Wer betreut den Verlader heute, und wie lange schon?
- Einkaufsverhalten: Schreibt der Verlader selbst aus, oder überlässt er die Wahl des Carriers seinem Spediteur?
- Eigene Leistungsfähigkeit: Können Sie den Kunden mit Ihrem Kundenservice und Ihren Prozessen wirklich direkt betreuen?
Das fünfte Kriterium wird oft übersehen. Ein Direktkunde erwartet Betreuung, die bisher sein Spediteur geleistet hat. Wenn Ihr Haus das nicht abdecken kann, ist der Spediteur der bessere Weg, auch wenn das Volumen groß ist.
Schritt für Schritt zur Vertriebsstrategie im Carrier-Vertrieb
- Bestand aufnehmen. Listen Sie Ihr Volumen je Fahrtgebiet (Trade) getrennt nach Spediteurs- und Direktgeschäft auf. Halten Sie fest, bei welchen Spediteuren Sie die Verlader dahinter kennen.
- Kriterien festlegen. Schreiben Sie die fünf Kriterien auf eine Seite und einigen Sie sich im Führungskreis auf die Auslegung.
- Kunden zuordnen. Jeder Kunde erhält ein Segment und einen verantwortlichen Betreuer. Zweifelsfälle kommen auf eine eigene Liste.
- Regeln für Zweifelsfälle beschließen. Legen Sie fest, wer entscheidet, wenn ein Verlader bei einem Spediteur bucht und zugleich direkt anfragt.
- Zeit und Stellplätze verteilen. Bestimmen Sie je Segment, wie viele Kundentermine Sie anstreben und wie Sie Allokation zwischen Kontrakt- und Spotgeschäft aufteilen.
- Mit den Spediteuren sprechen. Erklären Sie Ihren wichtigsten Spediteuren, wie Sie arbeiten. Offenheit an dieser Stelle verhindert die meisten Konflikte.
- Quartalsweise prüfen. Kunden wachsen, wechseln den Einkaufsweg oder ziehen Volumen ab. Die Zuordnung ist kein Dokument für die Ewigkeit.
Ein Praxisbeispiel: der Spediteur und sein Verlader
Das folgende Beispiel ist erdacht und dient der Veranschaulichung. Ein mittelständischer Maschinenbauer verschifft regelmäßig von Hamburg nach Asien. Er bucht seit Jahren über einen Spediteur, der auch Verpackung, Zoll und den Vorlauf organisiert. Ein Vertriebsmitarbeiter des Carriers findet das Unternehmen bei der Recherche und möchte es direkt ansprechen.
Ohne Regel ruft er an, bietet eine Rate an und löst damit zweierlei aus: Der Verlader fragt seinen Spediteur, warum der Carrier direkt günstiger anbietet. Der Spediteur verlagert daraufhin Ladung auf einen anderen Carrier. Mit Regel läuft es anders. Der Mitarbeiter prüft zuerst die Zuordnung, sieht den Verlader als NAC des Spediteurs und spricht mit dem Betreuer des Spediteurs. Gemeinsam entscheiden sie, den Spediteur anzusprechen:
„Wir sehen, dass Ihr Kunde auf diesem Fahrtgebiet wächst. Wir möchten mit Ihnen gemeinsam besprechen, wie wir den Stellplatz für dieses Volumen absichern können. Wäre ein Termin zu dritt für Sie denkbar?“
Der Spediteur behält seinen Kunden, der Carrier gewinnt Planbarkeit, und der Verlader erhält eine belastbare Zusage. Wie Sie diese Arbeit systematisch aufbauen, lesen Sie im Beitrag Named Accounts (NAC) entwickeln.
Wie führen Sie das Erstgespräch mit einem Direktkunden?
Beim Direktkunden beginnen Sie nicht mit der Rate. Beginnen Sie mit seiner Lieferkette. Eine Eröffnung, die sich bewährt hat:
„Bevor wir über Konditionen sprechen: Auf welchen Relationen kostet Sie heute eine Verspätung am meisten, und woran merken Sie das zuerst?“
Die Antwort zeigt, ob Transitzeit, Fahrplantreue oder Hinterlandanbindung das eigentliche Thema ist. Danach lässt sich ein Angebot bauen, das über den Preisvergleich hinausgeht. Für die Vorbereitung solcher Termine hilft der Beitrag Kundenrecherche mit KI.
Was KI zur Vertriebsstrategie der Reederei beiträgt
Die Strategie selbst ist Führungsarbeit. KI hilft bei der Zuarbeit, die bisher liegen bleibt, weil sie mühsam ist:
- Bestand ordnen: Ein Agent führt Buchungsdaten und CRM-Einträge zusammen und zeigt Volumen je Kunde, Segment und Fahrtgebiet in einer Übersicht.
- Dubletten und Lücken finden: Derselbe Verlader steht oft unter mehreren Schreibweisen im System. Ein Agent markiert solche Fälle zur Prüfung.
- Zuordnung vorschlagen: Anhand Ihrer Kriterien schlägt der Agent ein Segment vor und begründet den Vorschlag in zwei Sätzen.
- Termine vorbereiten: Vor dem Gespräch erhält der Betreuer eine Seite mit Volumenverlauf, offenen Punkten und öffentlichen Nachrichten zum Kunden.
- Veränderungen melden: Sinkt das Volumen eines Spediteurs auf einem Fahrtgebiet über mehrere Wochen, erscheint ein Hinweis beim Betreuer.
Als Rechenbeispiel für den Zeitgewinn: Ein Team mit 10 Personen führt je Person 8 Kundentermine in der Woche. Sinkt die Vorbereitung von 45 auf 10 Minuten, werden rund 4,7 Stunden je Person und Woche frei, im Team rund 47 Stunden. Mit dem Zeitgewinn-Rechner setzen Sie Ihre eigenen Werte ein.
Was die KI übernimmt und was beim Menschen bleibt
Die Trennung ist einfach und sollte schriftlich feststehen. Agenten bereiten vor, Menschen geben frei.
- KI übernimmt: Daten zusammenführen, Übersichten erstellen, Zuordnungen vorschlagen, Gesprächsunterlagen und E-Mail-Entwürfe vorbereiten, auf Veränderungen hinweisen.
- Beim Menschen bleibt: die Entscheidung über das Segment, jede Rate, jede Stellplatzzusage, jede Volumenvereinbarung, das Gespräch mit dem Kunden und die Lösung von Konflikten zwischen den Vertriebswegen.
Die gewonnene Zeit ist kein Sparprogramm. Sie dient dem Dreiklang: Vertrieb stabilisieren, Zeit auf Kundengespräche refokussieren und das Team in Value Based Selling trainieren. Warum diese Reihenfolge zählt, steht im Beitrag Refokussierung statt Stellenabbau.
Welche Fehler Carrier im Umgang mit Spediteuren machen
- Den Spediteur als Gegner behandeln. Er ist Kunde. Wer hinter seinem Rücken dessen Verlader anspricht, verliert Vertrauen und oft auch Ladung.
- Segmente nur intern kennen. Wenn der Spediteur nicht weiß, nach welchen Regeln Sie arbeiten, unterstellt er im Zweifel die ungünstigste Absicht.
- Vertrauliches vermischen. Informationen, die ein Spediteur im Vertrauen gibt, sind kein Material für den Direktvertrieb. Klären Sie den Umgang mit solchen Daten mit Ihrer Rechtsabteilung.
- Zusagen im Engpass kippen. Wer bei knappem Schiffsraum kurzfristig die zugesagten Stellplätze kürzt, beschädigt die Beziehung für lange Zeit, gleich in welchem Segment.
- Alle Kunden gleich betreuen. Ein Spediteur braucht schnelle Raten und verlässliche Allokation, ein Direktkunde braucht Gespräche über seine Lieferkette.
Checkliste: Ist Ihre Aufteilung tragfähig?
- Jeder Kunde hat ein Segment und einen namentlich benannten Betreuer.
- Die Kriterien für die Zuordnung stehen auf einer Seite und sind dem Team bekannt.
- Für Zweifelsfälle gibt es eine Regel und eine Person, die entscheidet.
- Ihre wichtigsten Spediteure kennen Ihre Arbeitsweise aus einem persönlichen Gespräch.
- Das CRM zeigt, welcher Verlader als NAC zu welchem Spediteur gehört.
- Raten, Zusagen und Zuordnungen gibt immer ein Mensch frei.
- Die Zuordnung wird einmal im Quartal überprüft.
Häufige Fragen
Ist Direktgeschäft für eine Reederei besser als Spediteursgeschäft? Nein, das lässt sich nicht pauschal sagen. Direktgeschäft bringt Planbarkeit und Nähe zum Verlader, verlangt aber mehr Betreuung. Spediteursgeschäft bringt gebündelte Ladung und Reichweite in Kundengruppen, die ein Carrier allein nicht erreicht. Die passende Mischung hängt von Fahrtgebiet, Netz und eigener Leistungsfähigkeit ab.
Darf ein Carrier den Kunden eines Spediteurs direkt ansprechen? Das ist zuerst eine Frage Ihrer eigenen Regeln und Ihrer Vereinbarungen mit dem Spediteur. Rechtliche Fragen dazu klären Sie mit Ihrer Rechtsabteilung. Aus Vertriebssicht gilt: Sprechen Sie zuerst mit dem Spediteur und suchen Sie eine gemeinsame Lösung.
Wie segmentiert man Kunden in der Linienschifffahrt? Bewährt hat sich die Ordnung nach Volumenstruktur, Leistungsbedarf, bestehender Beziehung, Einkaufsverhalten und eigener Leistungsfähigkeit. Wichtig ist, dass die Kriterien aufgeschrieben sind und jeder Kunde genau einen Betreuer hat. Eine Prüfung je Quartal hält die Ordnung aktuell.
Was bringt KI im Vertrieb einer Reederei konkret? KI führt Daten zusammen, schlägt Zuordnungen vor und bereitet Kundentermine vor. Dadurch sinkt der Aufwand für Recherche und Tabellenarbeit. Entscheidungen über Raten, Stellplätze und Kundenzuordnung bleiben beim Menschen.
Fazit
Spediteur oder Direktkunde ist keine Entweder-oder-Frage. Eine gute Vertriebsstrategie beschreibt, welcher Weg für welchen Kunden gilt, wer ihn betreut und wer im Zweifel entscheidet. Der Spediteur bleibt dabei Kunde und Partner, und Offenheit ihm gegenüber ist die günstigste Form der Konfliktvermeidung. KI nimmt Ihrem Team die Ordnungsarbeit ab, damit mehr Zeit für Gespräche bleibt. Ihr nächster Schritt: Nehmen Sie Ihre zwanzig größten Kunden und schreiben Sie hinter jeden Namen Segment und Betreuer. Wo Sie zögern, liegt Ihr erstes Thema für das Erstgespräch.