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Schifffahrt und Logistik

Tender in der Containerschifffahrt: mit KI schneller und gezielter durch die Tender-Saison

Von Nicolas Krohn · · 9 Min. Lesezeit

Ein Tender in der Containerschifffahrt entscheidet oft über einen großen Teil des Kontraktvolumens eines Jahres. In der Tender-Saison kommen viele Ausschreibungen gleichzeitig, jede in einem eigenen Format und mit eigener Frist. Ihr Team sitzt dann abends über Tabellen, während Preisabteilung und Fahrtgebiet auf saubere Daten warten. Für das Gespräch mit dem Verlader bleibt kaum Zeit.

In diesem Beitrag lesen Sie, wie Sie mit KI Ausschreibungen schneller aufbereiten und gezielter auswählen. Sie erfahren, welche Schritte ein Agent vorbereitet, wie Sie Angebot und Allokation zusammenbringen und was in jedem Fall ein Mensch entscheidet.

Das Wichtigste in Kürze

Was ist die Tender-Saison in der Containerschifffahrt?

Ein Tender ist eine Ausschreibung: Ein Verlader oder Spediteur fragt für eine feste Laufzeit Raten für viele Relationen gleichzeitig an und vergibt das Volumen an einen oder mehrere Carrier. Viele Kunden schreiben in ähnlichen Zeitfenstern aus, weil ihre Kontrakte zu ähnlichen Terminen enden. Diese Wochen nennt die Branche Tender-Saison.

Wann die Spitze liegt, hängt vom Fahrtgebiet und vom Kundenkreis ab. Entscheidend für Sie ist der Effekt: Die Last kommt nicht gleichmäßig, sondern in Wellen. Ein Ablauf, der im ruhigen Monat funktioniert, bricht in der Spitze. Die Grundlagen des Vorgehens finden Sie im Beitrag Tender-Management in der Logistik.

Warum Tender in der Containerschifffahrt so viel Zeit binden

Der Aufwand hat vier Quellen. Erstens die Formate: Jeder Kunde nutzt seine eigene Vorlage. Häfen stehen mal als Name, mal als Kürzel, mal mit Inlandsort für Vorlauf und Nachlauf. Mengen stehen je Woche, je Monat oder je Jahr. Zweitens die Zuschläge: Jeder Kunde grenzt anders ab, was in der Rate enthalten sein soll und was getrennt ausgewiesen wird.

Drittens die Abstimmung. Der Vertrieb kennt den Kunden, die Preisabteilung kennt Kosten und Auslastung, das Fahrtgebiet kennt die Kapazität je Abfahrt. Viertens die Runden: Viele Tender laufen über mehrere Runden mit Rückmeldung des Kunden. Jede Runde bedeutet neue Tabellen und neue Fristen.

Welche Ausschreibungen lohnen sich? Die Teilnahmeentscheidung

Gezielt bieten beginnt mit der Auswahl. Nicht jede Ausschreibung verdient die volle Bearbeitung. Prüfen Sie vor dem Start diese Punkte:

Ein Agent kann diese Entscheidung vorbereiten. Er stellt je Ausschreibung zusammen, wie viel der angefragten Relationen Ihr Netz abdeckt, was der Kunde bisher bei Ihnen verladen hat und was in den Gesprächsnotizen steht. Die Entscheidung trifft die Vertriebsleitung. Wer die Qualifizierung strukturieren will, findet im Beitrag MEDDIC im Mittelstand ein brauchbares Raster: Metrics, Economic Buyer, Decision Criteria, Decision Process, Identify Pain und Champion.

Wie funktioniert die Tender-Bearbeitung mit KI?

Der Ablauf lässt sich in sieben Schritte fassen. In jedem Schritt steht, wer handelt.

  1. Eingang erfassen: Der Agent liest Ausschreibungsunterlagen und Tabelle und fasst Fristen, Laufzeit, Runden und Sonderbedingungen auf einer Seite zusammen.
  2. Tabelle ordnen: Der Agent ordnet Ladehäfen, Löschhäfen und Inlandsorte Ihren Fahrtgebieten zu, vereinheitlicht Mengen und Ausrüstung und markiert unsichere Zeilen.
  3. Markierungen prüfen: Ein Mensch klärt die markierten Zeilen.
  4. Abdeckung zeigen: Der Agent zeigt, welche Relationen Sie direkt bedienen, welche nur mit Umladung und welche gar nicht.
  5. Preise abstimmen: Preisabteilung und Fahrtgebiet legen Raten und Zuschläge fest. Der Agent liefert dafür die Übersicht je Fahrtgebiet.
  6. Rückgabe füllen: Der Agent überträgt die freigegebenen Werte in die Vorlage des Kunden und prüft auf leere Felder und Formatfehler.
  7. Freigeben und senden: Ein Mensch prüft das Gesamtangebot und sendet es ab.

Den Kern dieses Vorgehens, das Ordnen der Tabelle, beschreibt der Beitrag Ausschreibungen schneller beantworten im Einzelnen.

Allokation und Volumenzusage: bieten, was Sie fahren können

Ein gewonnener Tender ist nur dann ein Gewinn, wenn Sie das Volumen auch verladen können. Die Allokation, also die Stellplatzzusage je Abfahrt und Fahrtgebiet, ist begrenzt. Wer in der Saison jeden Tender einzeln betrachtet, sagt in Summe leicht mehr zu, als die Schiffe tragen.

Hier hilft eine einfache Übersicht, die ein Agent laufend fortschreibt: angebotenes Volumen je Fahrtgebiet über alle offenen Tender, gewichtet mit Ihrer eigenen Einschätzung der Gewinnchance. Die Einschätzung kommt vom Verkäufer, nicht aus der Maschine. So sieht das Fahrtgebiet früh, wo es eng wird. Wie Sie Historie, Buchungslage und Marktlage dazu verbinden, zeigt der Beitrag zum Volumen-Forecast in der Linienschifffahrt.

Achten Sie auch auf die Gegenseite. Eine Volumenzusage des Kunden ist nur so viel wert wie seine Disziplin. Lassen Sie den Agenten bei Bestandskunden gegenüberstellen, was zugesagt und was verladen wurde. Das gehört in die Preisabstimmung und in das Kundengespräch.

Praxisbeispiel: ein Tender auf Asien–Nordeuropa

Ein Beispiel, wie es in der Saison vorkommen kann. Ein Handelsunternehmen schreibt seine Importe aus Asien nach Nordeuropa aus. Die Tabelle enthält viele Zeilen mit Ladehäfen in Asien, Löschhäfen wie Hamburg und Rotterdam und Zustellorten im Hinterland. Die Frist ist kurz, parallel laufen weitere Ausschreibungen.

Der Agent fasst zuerst die Bedingungen zusammen: Laufzeit, zwei Runden, gewünschte Abgrenzung der Zuschläge. Dann ordnet er die Zeilen. Einen Teil markiert er, weil ein Zustellort mehrdeutig geschrieben ist und weil bei einigen Zeilen die Ausrüstung fehlt. Der Verkäufer klärt die Ausrüstung mit einer kurzen Rückfrage beim Kunden und nutzt den Anruf für eine zweite Frage: „Woran messen Sie nach einem Jahr, ob die Vergabe richtig war?“

Die Antwort: Dem Kunden ist wichtig, dass Ware für das Saisongeschäft verlässlich ankommt. Der Verkäufer stimmt mit Preisabteilung und Fahrtgebiet ab, auf welchen Relationen das Haus gewinnen will und wo es nur der Vollständigkeit halber anbietet. Im Begleitschreiben geht er auf die Saisonspitze des Kunden ein. Die Raten und die Stellplatzzusage geben Menschen frei. Der Agent füllt die Rückgabetabelle und meldet zwei leere Pflichtfelder, bevor das Angebot hinausgeht.

Den Wert begründen: Fragen und Formulierungen

Ein Tender sieht aus wie ein reiner Ratenvergleich. Trotzdem entscheiden Menschen, und sie tragen das Risiko, wenn die Ware nicht ankommt. Nutzen Sie die Zeit vor der Abgabe für Fragen nach dem Muster von SPIN: Situation, Problem, Implication (Auswirkung) und Need-Payoff (Nutzen). Zwei Beispiele für das Gespräch:

Und ein Beispiel für das Begleitschreiben: „Sie haben uns gesagt, dass die Ware für Ihr Saisongeschäft bis zu einem festen Termin im Lager sein muss. Unser Angebot enthält deshalb für diese Wochen eine feste Stellplatzzusage auf den genannten Abfahrten. Die Bedingungen dafür finden Sie in Anlage zwei.“ Schreiben Sie so etwas nur, wenn das Fahrtgebiet die Zusage freigegeben hat. Wie Sie jenseits der Rate argumentieren, vertieft der Beitrag Value Based Selling in der Seefracht.

Was die KI übernimmt und was beim Menschen bleibt

Die KI übernimmt die Vorbereitung:

Beim Menschen bleibt alles Verbindliche:

Agenten bereiten vor, Menschen geben frei. Die Zeit, die dabei frei wird, dient nicht dem Stellenabbau. Sie dient dazu, den Vertrieb in der Spitze zu stabilisieren, mehr mit Kunden zu sprechen und das Team darin zu trainieren, über Wert zu verkaufen. Welche weiteren Aufgaben sich im Kundenzyklus eignen, zeigt der Beitrag KI im Reederei-Vertrieb: zehn Anwendungsfälle.

Welche Fehler kosten in der Tender-Saison den Auftrag?

Erstens: alles anbieten. Wer jede Zeile füllt, verteilt seine Aufmerksamkeit und bietet auf Relationen, die er gar nicht will. Zweitens: zu spät abstimmen. Wenn die Preisabteilung die Tabelle erst am Abgabetag sieht, bleibt nur der Standardpreis. Drittens: ohne Gespräch abgeben. Ein Angebot ohne Bezug zur Lage des Kunden ist austauschbar.

Viertens: dem Agenten blind vertrauen. Eine falsch zugeordnete Relation führt zu einer falschen Rate. Die Prüfung der markierten Zeilen ist Pflicht. Fünftens: Informationen nutzen, die nicht in den Tender gehören. Ihre Einschätzung des Marktes stützt sich auf öffentliche Quellen und auf das, was der Kunde Ihnen selbst sagt. Ein Austausch mit Wettbewerbern über Raten oder Angebote ist tabu. Bei Fragen dazu ist Ihre Rechtsabteilung zuständig. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.

Checkliste vor der Abgabe und nach der Vergabe

Nach der Vergabe beginnt die zweite Hälfte der Arbeit. Fragen Sie bei jedem Ergebnis nach den Gründen, auch bei einer Absage. Halten Sie fest, woran es lag: Rate, Transitzeit, Abdeckung oder Beziehung. Ein Agent kann diese Rückmeldungen sammeln und vor der nächsten Saison auswerten. Bei gewonnenen Tendern hält er nach, ob das zugesagte Volumen tatsächlich kommt. Wo Ihr Team heute Zeit verliert, zeigt der Vertriebs-Zeitcheck.

Häufige Fragen

Wann ist Tender-Saison in der Containerschifffahrt? Das hängt vom Fahrtgebiet und vom Kundenkreis ab, weil sich die Zeitfenster nach den Laufzeiten der Kontrakte richten. Sehen Sie in Ihre eigenen Daten: Wann sind in den letzten Jahren die meisten Ausschreibungen eingegangen? Daraus ergibt sich Ihr Kalender für die Vorbereitung.

Wie kann KI bei Ausschreibungen in der Seefracht helfen? KI liest Unterlagen, bringt die Tabelle des Kunden in Ihre Struktur und füllt nach der Preisfreigabe die Rückgabe. Sie zeigt außerdem, welche Relationen Ihr Netz abdeckt und was der Kunde bisher verladen hat. Preise und Zusagen legt weiterhin Ihr Team fest.

Sollte man an jedem Tender teilnehmen? Nein. Eine bewusste Absage spart Zeit für die Ausschreibungen, bei denen Netz, Beziehung und Aussicht passen. Erklären Sie dem Kunden die Absage kurz und sachlich, dann bleibt die Tür für die nächste Runde offen.

Darf eine KI Raten für einen Tender kalkulieren? Sie kann die Grundlage vorbereiten, etwa bisherige Raten des Kunden und Volumen je Fahrtgebiet. Die Kalkulation und die Freigabe gehören in die Preisabteilung, weil die Rate Ihr Haus für die ganze Laufzeit bindet. Legen Sie diese Grenze schriftlich fest, bevor der Agent startet.

Fazit

In der Tender-Saison gewinnt nicht, wer die meisten Tabellen füllt, sondern wer gezielt auswählt und ein stimmiges Angebot abgibt. KI nimmt Ihrem Team die Aufbereitung ab und schafft Überblick über Fristen, Abdeckung und angebotenes Volumen. Raten, Stellplatzzusagen und die Teilnahmeentscheidung bleiben bei Menschen. Die gewonnene Zeit gehört in das Gespräch mit dem Kunden vor der Abgabe und danach. Ihr nächster Schritt: Nehmen Sie den letzten Tender, schreiben Sie auf, wie viele Stunden in die Tabelle und wie viele in das Kundengespräch geflossen sind, und bringen Sie diese Zahlen in ein Erstgespräch mit, 30 Minuten und kostenfrei.

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